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Wenn der Berufseinstieg anders läuft als geplant

„Mit diesem Studium stehen Ihnen später alle Türen offen.“

So oder ähnlich haben es viele Studierende gehört. Besonders in MINT-Fächern schien die Botschaft über Jahre eindeutig: Fachkräfte werden dringend gesucht, der demografische Wandel verschärft den Bedarf und mit einem guten Abschluss stehen hervorragende Berufsmöglichkeiten offen.

Und dann rückt der Abschluss näher.

Die ersten Bewerbungen gehen raus. Manche Unternehmen antworten gar nicht. Andere schicken eine Absage. Attraktive Einstiegspositionen haben plötzlich viele Bewerberinnen und Bewerber. Anforderungen, die auf dem Papier nach „Berufseinstieg“ klingen, setzen erste praktische Erfahrung voraus.

Aus der Erwartung „Ich werde gebraucht“ wird irgendwann die Frage:

Warum klappt es bei mir nicht?

Genau dieser Bruch ist für viele Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger derzeit schwer auszuhalten.

Fachkräftemangel und schwieriger Einstieg? Beides kann stimmen.

Der Arbeitsmarkt sendet widersprüchliche Signale. Die wirtschaftliche Schwäche hat die Nachfrage nach akademischen Fachkräften gebremst. Unternehmen investieren zurückhaltender und schreiben weniger Stellen aus. Gerade Absolventinnen und Absolventen trifft das, weil Arbeitgeber in unsicheren Zeiten häufig Berufserfahrung bevorzugen. Hinzu kommt Künstliche Intelligenz, die zunehmend Aufgaben verändert oder übernimmt, die bislang typische Einstiegsaufgaben waren.

Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt genau diese Entwicklung. Gleichzeitig betont sie, dass aufgrund des demografischen Wandels weiterhin qualifizierte Nachwuchskräfte benötigt werden. Auch bei Ingenieur- und Informatikberufen zeigt sich dieses Nebeneinander: kurzfristig deutlich weniger Dynamik, langfristig weiterhin struktureller Fachkräftebedarf.

Der oft zitierte Fachkräftemangel ist also nicht einfach verschwunden. Er bedeutet nur nicht automatisch, dass jeder Berufseinstieg leicht sein muss.

Diese Unterscheidung halte ich für wichtig. Denn wer jahrelang gehört hat, wie dringend die eigene Qualifikation gebraucht wird, erlebt eine Reihe von Absagen schnell als persönliches Scheitern.

Dabei ist eine Absage zunächst etwas anderes: das Ergebnis eines Auswahlprozesses.

Auswahl bedeutet auch Absage

Diese Erkenntnis begleitet mich schon sehr lange.

In meinem ersten Praktikum durfte ich ein Auswahl-Assessment für Ausbildungsplätze begleiten. Rund 60 junge Menschen hatten sich auf sechs Stellen beworben. Zehn konnten eine Zusage bekommen. Fünfzig nicht.

Auch an große, mehrstündige Auswahlverfahren aus meiner eigenen Bewerbungszeit erinnere ich mich gut. Viele Bewerberinnen und Bewerber konkurrierten um eine begrenzte Zahl von Plätzen. Dass geeignete Menschen eine Absage erhielten, gehörte zwangsläufig zum Verfahren.

Heute begegnet mir eine ähnliche Auswahlrealität wieder. Nur trifft sie zum Teil auf eine Generation von Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen, der lange eine andere Geschichte erzählt wurde.

Das macht einen Unterschied.

Denn wer mit der Erwartung startet, sich zwischen mehreren attraktiven Möglichkeiten entscheiden zu können, wird von zehn Absagen anders getroffen als jemand, der von vornherein mit starker Konkurrenz gerechnet hat.

Deshalb ist mir ein Gedanke besonders wichtig:

Eine Absage sagt noch nicht, ob du beruflich deinen Platz finden wirst. Sie sagt zunächst, dass es bei dieser Position in diesem Auswahlverfahren nicht gereicht hat.

Das darf enttäuschen. Aber daraus sollte nicht automatisch die Schlussfolgerung entstehen: Dann bin ich offenbar nicht gut genug.

Viel hilfreicher ist eine andere Frage:

Was genau funktioniert gerade nicht?

Ist das Ziel falsch oder der Weg dorthin?

Angenommen, du möchtest nach dem Studium ins Produktmanagement. Die ausgeschriebenen Junior-Positionen sind rar und auf deine Bewerbungen kommt wenig Resonanz.

Das kann bedeuten, dass dein Profil nicht passt. Es kann genauso gut bedeuten, dass der direkte Einstieg in dieses Tätigkeitsfeld momentan schwierig ist.

Vielleicht führt der Zugang über eine angrenzende Funktion. Vielleicht sucht ein weniger bekanntes mittelständisches Unternehmen genau jemanden mit deinem Hintergrund. Möglicherweise fehlt eine konkrete Praxiserfahrung, die sich gezielt aufbauen lässt. Oder du erfüllst wesentliche Anforderungen bereits, machst sie in deinen Unterlagen aber noch nicht erkennbar.

Bevor du dein Ziel verwirfst, lohnt sich deshalb eine nüchterne Analyse.

Kommt kaum eine Einladung? Dann prüfe Zielpositionen, Anforderungen und Bewerbungsunterlagen. Bewirbst du dich auf Stellen, bei denen du realistische Anschlussmöglichkeiten hast? Wird deutlich, warum dein bisheriger Weg zu dieser Aufgabe passen könnte?

Kommst du regelmäßig ins Vorstellungsgespräch und erhältst anschließend Absagen, liegt die Fragestellung woanders. Dann lohnt sich der Blick auf deine Positionierung im Gespräch und darauf, wie überzeugend du deine Motivation und bisherigen Erfahrungen mit der Aufgabe verbindest.

Und manchmal lautet die ehrliche Diagnose tatsächlich: Für genau diese Rolle gibt es derzeit zu wenige Einstiegsstellen.

Dann braucht es nicht automatisch mehr Selbstzweifel. Es braucht eine andere Strategie.

Mehr Bewerbungen sind nicht immer die Lösung

Der verständliche Reflex lautet häufig: Dann muss ich mich eben noch intensiver bewerben.

Noch eine Jobbörse. Größerer Suchradius. Mehr Bewerbungen pro Woche.

Das kann sinnvoll sein. Wenn aber 30 Bewerbungen nach demselben Muster nicht funktionieren, sind weitere 30 nicht zwangsläufig die beste Antwort.

Dann lohnt es sich, den Suchraum anders zu betrachten.

Welche Tätigkeiten grenzen an dein eigentliches Ziel? In welchen anderen Branchen werden vergleichbare Fähigkeiten gebraucht? Welche Unternehmen hattest du bislang gar nicht im Blick? Muss der erste Arbeitgeber wirklich der bekannte Konzern sein? Und welche Position könnte dir Erfahrungen vermitteln, die dich deinem eigentlichen Ziel näherbringen?

Damit kommt ein Gedanke ins Spiel, den ich in meiner Karriereberatung bewusst nutze: Plan A und Plan B.

Plan B ist für mich kein Trostpreis.

Er ist Handlungsspielraum.

Wer langfristig in eine bestimmte Branche möchte, kann relevante Erfahrung zunächst anderswo sammeln. Wer eine bestimmte Funktion anstrebt, findet vielleicht über ein angrenzendes Aufgabenfeld hinein. Manchmal bleibt Plan A das Ziel und nur der Weg verändert sich.

Und manchmal passiert etwas anderes: Auf diesem Umweg stellt sich heraus, dass die vermeintliche Alternative sogar besser passt.

Andere Perspektiven können Türen öffnen

Gerade bei einer längeren Bewerbungsphase verengt sich der Blick leicht. Man liest dieselben Stellenanzeigen, sucht mit denselben Begriffen und kreist irgendwann um dieselben Fragen.

Dann kann es hilfreich sein, jemanden einzubeziehen.

Nicht, um die eigene Entscheidung abzugeben. Sondern um das eigene Denken zu erweitern.

Ein Gespräch mit jemandem aus dem gewünschten Berufsfeld kann beispielsweise zeigen, welche Einstiegswege es gibt, die auf keiner Hochschulwebsite stehen. Ein anderer Blick auf das eigene Profil kann Tätigkeiten sichtbar machen, an die man selbst nie gedacht hätte. Selbst ein Rat, dem man zunächst widerspricht, kann wertvoll sein. Er zwingt dazu, die eigene Position noch einmal zu überprüfen.

Berufliche Orientierung entsteht auch dadurch, unterschiedliche Möglichkeiten zu kennen und anschließend bewusst zu entscheiden.

Der erste Job muss nicht dein Karriereplan für die nächsten 20 Jahre sein

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Entlastungen beim Berufseinstieg.

Der erste Job ist wichtig. Er schafft Erfahrung, Kontakte und eröffnet weitere Möglichkeiten. Aber er entscheidet nicht abschließend darüber, wo du beruflich einmal landen wirst.

Interessen verändern sich. Manche Aufgaben erweisen sich im Alltag als ganz anders als erwartet. Unternehmen verändern sich ebenfalls. Und Berufe, die heute entstehen, gab es zu Beginn mancher Studiengänge noch gar nicht.

Darauf kann niemand vollständig vorbereitet sein.

Was du beeinflussen kannst, ist deine Fähigkeit, genau hinzusehen: Was funktioniert? Was passt zu mir? Was lerne ich gerade? Wo sollte ich meinen Kurs korrigieren?

Auch eine Entscheidung, die sich später als falsch herausstellt, muss deshalb keine verlorene Zeit sein. Entscheidend ist, ob du verstehst, was du daraus mitnimmst.

Wenn der Berufseinstieg also anders läuft als gedacht, muss daraus nicht sofort ein neuer Karriereplan entstehen. Zuerst braucht es eine belastbare Diagnose: Was sagt mir der Markt gerade – und was davon hat tatsächlich mit meinem Profil zu tun?

Vielleicht stimmt die Richtung, aber der direkte Einstieg ist momentan schwierig. Vielleicht ist die Zielposition zu eng gewählt. Vielleicht braucht es eine andere Unternehmensgröße, eine angrenzende Funktion oder zusätzliche Praxiserfahrung. Und manchmal zeigt die Analyse tatsächlich, dass es sinnvoll ist, die ursprüngliche Vorstellung zu verändern.

Entscheidend ist, nicht wochenlang dieselbe Strategie mit höherer Schlagzahl fortzusetzen.

Wenn du immer wieder an derselben Stelle hängen bleibst, ändere nicht nur die Zahl deiner Bewerbungen. Ändere die Fragestellung.

Nicht: Wie bekomme ich endlich irgendeinen Job?

Sondern: Wo liegt gerade mein Engpass? Welche Möglichkeiten habe ich übersehen? Und welcher nächste Schritt bringt mich fachlich und persönlich wirklich weiter?

Der Berufseinstieg muss nicht perfekt verlaufen. Aber er sollte dir zunehmend Klarheit darüber geben, wo du hinwillst, was zu dir passt und welche Entscheidungen dich dorthin führen können.