Vielleicht waren es 15 Jahre im Unternehmen, vielleicht 20 oder 25.
Man kennt die Abläufe, die Menschen, die Entscheidungswege. Man weiß, wie das Geschäft funktioniert und welchen Stellenwert die eigene Arbeit hat.
Dann kommt die Kündigung.
Die Position entfällt. Ein Bereich wird neu organisiert. Nach einer Restrukturierung gelten andere Prioritäten.
Was über Jahre berufliche Normalität war, ist plötzlich weg.
Diese Sorge kann ich zu 100 Prozent nachvollziehen. Wer sich viele Jahre nicht außerhalb des eigenen Unternehmens bewegen und dort auch nicht „verkaufen“ musste, ist häufig weit mehr als verunsichert.
Da kann echte Panik entstehen.
Wenn der vertraute Unternehmens-Kosmos plötzlich wegfällt
Stellen wir uns eine 55-jährige Führungskraft aus einer Großbank vor.
Seit fast 25 Jahren arbeitet sie im selben Haus. Sie ist dort aufgestiegen, hat Veränderungen begleitet und gilt intern als verlässlich. Wenn es schwierig wird, wird sie hinzugezogen.
Dann wird ihr Bereich neu organisiert. Ihre Position entfällt.
Einige Tage später öffnet sie zum ersten Mal seit Jahren eine Stellenbörse.
Die Funktionsbezeichnungen klingen anders als im eigenen Unternehmen. In den Anzeigen stehen Anforderungen, die sie nicht immer einordnen kann. Auf LinkedIn wirken andere Profile moderner und sehr selbstverständlich in ihrer Selbstdarstellung.
Plötzlich kommen Gedanken wie:
Bin ich mit 55 überhaupt noch interessant?
Ist meine Erfahrung zu speziell?
Kann ich mein bisheriges Gehalt noch erzielen?
Vor wenigen Wochen war dieselbe Person eine anerkannte Führungskraft mit großer Erfahrung. An ihrer Kompetenz hat sich nichts geändert.
Verändert hat sich der Rahmen, in dem diese Kompetenz jahrelang bekannt war.
Außerhalb dieses Rahmens muss sie sich neu orientieren. Und dabei stellt sich häufig heraus, dass die lange Unternehmenszugehörigkeit weit mehr enthält als einen einzelnen Jobtitel.
Vielleicht hat diese Führungskraft mehrere Reorganisationen begleitet, neue Systeme eingeführt oder Teams durch schwierige Veränderungen geführt. Vielleicht kennt sie regulierte Märkte sehr genau und kann komplexe Interessen zusammenbringen.
Das erzählt eine andere Geschichte als:
„25 Jahre bei derselben Bank.“
Wenn Leistung bisher ein wichtiger Teil der eigenen Identität war
Besonders hart trifft eine Kündigung Menschen, die sich stark über Leistung und Verlässlichkeit definieren.
Sie haben Verantwortung übernommen, Probleme gelöst und sich über Jahre ihren Platz erarbeitet. Loyalität war selbstverständlich.
Und dann entscheidet das Unternehmen trotzdem, dass die eigene Position künftig nicht mehr gebraucht wird.
Rational kann klar sein, dass eine Restrukturierung dahintersteht.
Emotional entstehen manchmal ganz andere Fragen:
Wenn all meine Leistung am Ende nicht gereicht hat, was war sie dann wert?
War ich vielleicht doch nicht so wichtig, wie ich dachte?
Wie erkläre ich anderen, dass mir gekündigt wurde?
Solche Gedanken sind nachvollziehbar. Sie sind allerdings keine verlässliche Aussage darüber, wie der Arbeitsmarkt die eigene Erfahrung bewertet.
Eine Kündigung trifft häufig genau dort, wo zuvor viel Sicherheit entstanden ist. Deshalb braucht es manchmal etwas Abstand, bevor aus der aktuellen Verunsicherung eine Entscheidung über die Zukunft wird.
Der nächste Job muss keine Kopie des letzten sein
Nach einer Kündigung suchen viele Menschen zunächst nach dem Vertrauten.
Gleicher Titel, ähnliche Branche, möglichst vergleichbares Gehalt.
Das kann der richtige Weg sein.
Es kann aber auch passieren, dass gerade diese Suche den Blick unnötig verengt.
Vielleicht ist eine Erfahrung, die im bisherigen Unternehmen an eine bestimmte Funktion gebunden war, in einer anderen Branche besonders gefragt. Vielleicht passt heute ein mittelständisches Unternehmen besser als der nächste Konzern. Oder eine Expertenrolle ist reizvoller als erneut eine große Führungsfunktion.
Eine Kündigung kann deshalb auch eine Frage aufwerfen, die vorher gar nicht gestellt wurde:
Möchte ich eigentlich genau so weitermachen wie bisher?
Manchmal entsteht daraus ein Weg, den man selbst nie geplant hätte
Eine meiner Klientinnen war bereits in der zweiten Hälfte ihrer Fünfziger und hatte viele Jahre im HR-Service gearbeitet.
Die Kündigung war für sie zunächst alles andere als eine Chance.
Im Laufe unserer Zusammenarbeit wurde jedoch deutlich, dass sie schon länger nicht mehr wirklich glücklich mit ihrer beruflichen Situation gewesen war.
Ohne äußeren Anlass hätte sie vermutlich trotzdem weitergemacht.
Der Arbeitsplatz war sicher. Man kannte sich aus. Das Einkommen war da.
Und irgendwo im Hintergrund gab es seit Langem eine andere Leidenschaft: Kosmetik.
Durch die Neuorientierung bekam diese Idee plötzlich Raum. Sie entschied sich für eine Ausbildung als Kosmetikerin und schlug beruflich noch einmal eine völlig andere Richtung ein.
Heute ist sie glücklich damit.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass nach einer Kündigung jeder seinen Beruf wechseln sollte.
Für mich zeigt dieses Beispiel etwas anderes:
Manchmal zwingt uns eine Veränderung dazu, eine Frage ernst zu nehmen, die wir freiwillig noch jahrelang aufgeschoben hätten.
Was möchte ich mit meinen nächsten Berufsjahren eigentlich anfangen?
Gerade in der zweiten Hälfte des Berufslebens kann darauf eine überraschende Antwort entstehen.
Was ich Menschen in dieser Situation sagen kann
Ich habe Klientinnen und Klienten begleitet, die nach langer Betriebszugehörigkeit überzeugt waren, ihre beruflich besten Jahre lägen hinter ihnen.
Manche hatten seit Jahrzehnten keine Bewerbung geschrieben. Andere konnten sich kaum vorstellen, dass ihre Erfahrung außerhalb des bisherigen Unternehmens gefragt sein könnte.
Diese Angst nehme ich sehr ernst.
Gleichzeitig kann ich aus meiner Arbeit etwas Beruhigendes sagen:
Alle Klientinnen und Klienten, die ich in solchen Situationen begleitet habe, haben für sich einen neuen beruflichen Weg eingeschlagen.
Dieser Weg sah nicht immer aus wie der vorherige.
Manchmal war es eine vergleichbare Position. In anderen Fällen entwickelte sich eine neue Funktion, eine andere Branche oder eine Lösung, die zu Beginn noch gar nicht sichtbar war.
Das ist keine Garantie dafür, dass jede Neuorientierung schnell oder geradlinig verläuft. Manche Vorstellungen müssen überprüft werden. Der Arbeitsmarkt verändert sich ebenfalls.
Was ich jedoch immer wieder erlebe:
Die erste Angst zeichnet oft ein viel düstereres Bild, als es die tatsächlichen Möglichkeiten rechtfertigen.
Aus „Wer will mich noch?“ kann eine andere Frage werden
Wer gerade nach vielen Jahren seinen Arbeitsplatz verloren hat, muss nicht sofort einen fertigen Karriereplan haben.
Verunsicherung gehört zu einer solchen Situation.
Sie sollte nur nicht vorschnell zu einer vermeintlichen Gewissheit werden:
„Für mich gibt es auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr.“
Vielleicht ist zu diesem Zeitpunkt schlicht noch nicht sichtbar, was als Nächstes möglich ist.
Irgendwann kann sich deshalb die Frage verändern.
Aus:
„Wer will mich überhaupt noch?“
wird:
„Für wen ist das, was ich heute kann und mitbringe, besonders wertvoll?“
Diese Frage öffnet den Blick.
Und häufig beginnt genau dort der nächste berufliche Weg.